Schlaraffenland Hartz4
oder eine wahre Geschichte aus dem Alltag von Fördern und Fordern
Kurze Vorgeschichte: Ich bin 59 Jahre, habe eine qualifizierte Ausbildung und habe bis zum 56. Jahr immer gearbeitet, ohne Sozialleistungen in Anspruch nehmen zu müssen. In den letzten Jahren als
kleiner Selbständiger. Mit 56 Jahren kam ein Einbruch und mit der selbständigen Arbeit konnte ich das Existenzminimum nicht erwirtschaften, meldete mich arbeitssuchend und beziehe seither einen
Zuschuss nach Hartz4. Es wurde mir ein schöner Vertrag zum unterzeichnen vorgelegt, eine Vereinbarung zwischen mir und der ARGE. Diese Vereinbarung besagt, dass ich mich verpflichte meine
selbständige Arbeit weiter auszubauen um mehr zu erwirtschaften, mich parallel um eine sozialversicherungspflichtige Arbeit bemühen muss und dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt zur Verfügung stellen
muss. Als Gegenleistung verpflichtet sich die ARGE, mich in diesen Bemühungen tatkräftig zu unterstützen und durch Zuwendung von Geldleistung nach dem Hartz4 Gesetz dafür Sorge zu tragen, dass
mein Existenzminimum gewährleistet ist. Eine Vereinbarung, der ich zugestimmt habe. Seither habe ich hunderte Bewerbungen geschrieben, nicht nur in meinem angelernten Qualifizierten Beruf, auch
sogenannte unter qualifizierte. Parallel die Bemühung um Ausbau der selbständigen Tätigkeit. Alle Bewerbungen wurden auf Grund des Alters abgelehnt, die selbständige Arbeit ist immer noch nach
allem was ich an gesetzlichen Versicherungen und Geschäftsraummiete an Ausgaben habe, unter dem Existenzminimum. Für einen Arbeitsplatz in meinem alten Beruf würde ich sofort bereit sein
um-zuziehen und auch voll Bereit zustehen. Die Erfahrung zeigt aber, dass mich mit diesem Alter niemand haben will, was ich schon absurd finde, vor allem in dem Zusammenhang, dass das Rentenalter
ja erhöht wurde. Was soll so ein Quatsch, wenn Arbeitgeber ältere überhaupt nicht einstellen? Die Unterstützung der ARGE sieht so aus, dass Sie mir ab und zu Einladungen schickt um über meine
berufliche Zukunft zu sprechen, was bedeutet, sie wollen die Nachweise von meinen hunderten vergeblichen Bewerbungen und geben mir dann noch 2 Stellenausschreibungen aus ihrem Pool, meist solche
die ich längst schon in Eigeninitiative angeschrieben habe, oder die sowieso absurd sind. Außerdem brauch ich keine Rundfunkgebühr bezahlen, aber mir mal 20 € für Weiterbildung in meinem Beruf
als Selbständiger zu gewähren, oder Ausgaben für eine Zeitungsannonce ist nicht drin. Man ist also der Meinung es ist für mich eine größere Förderung für meine Wiedereingliederung, wenn ich mir
in den Fernsehnachrichten gebührenfrei anhören darf, dass Herr Westerwelle und andere „Leistungsträger“ mich als Faulpelz und Schmarotzer beleidigen dürfen und mich an den Vorbildern der
Leistungsträger, sprich Bänker die Milliarden vernichten und dafür mit Boni und Staatssicherheiten belohnt werden, orientiere. Oder Fernsehdiskussionen anschaue, in der die Stützen der
Gesellschaft sich verbal attackieren und die Stimmung emotional aufheizen und verschiedene Bevölkerungsschichten gegeneinander aufhetzen und mir weiß machen, dass ich entweder ein fauler
Schmarotzer bin oder ein armer Edelmensch, der von bösen Reichen ausgebeutet und betrogen wird. Ich finde es zutiefst demütigend und verletzend, nicht als Mensch wahrgenommen zu werden, sondern
als Bittsteller, der entweder als Faulpelz oder als armer Pechvogel um ein Almosen betteln soll.
Doch nun die eigentliche Geschichte aus dem Alltag des Förderns und Forderns.
Vor 3 Wochen ist es mir gelungen einen Nebenjob zu finden, die Innen und Außenreinigung eines Wohnobjektes, als Angestellter einer Immobilienfirma, was konkret bedeutet jeden Monat fest und
regelmäßig 228,- € für wenige Stunden die Woche zu verdienen und bei Schneefall durch Winterdienst zusätzlich eine feste Pauschale pro nötigen Einsatz. Naiv und Gesetzes treu bin ich sofort zur
ARGE, habe angegeben, dass ich dort in dem laufenden Monat noch 114,- € hinzu verdienen kann, aber erst Mitte des Folgemonats ausbezahlt werde und darauf hingewiesen auch erst dann die
erforderliche Lohnbescheinigung vom Arbeitgeber bekomme. Da ich die unmögliche Bürokratie der ARGE aus Erfahrung kenne, habe ich mich absichern wollen und nochmals ausdrücklich gebeten, mir am
nächsten 1. die volle Summe der mir zustehenden Unterstützung zu überweisen und dann könne man mir gerne Mitte des Monats entsprechend der Gesetzeslage den zu viel gezahlten Betrag abziehen. Ich
brauch mir keine Gedanken machen hieß es, es werde alles nach den geltenden Bestimmungen ablaufen.
Am letzten Wochenende des Monats fuhr ich dann freudig und guten Mutes in eine weiter entfernte Stadt, um meine Familie nach langer Zeit zu besuchen und dort auch ein Theaterstück zu besuchen,
was schon seit 2 Jahren nicht mehr möglich war, wegen der finanziellen Situation. Jetzt mit der Aussicht etwas von dem hinzu verdienten ja nächsten Monat behalten zu können, konnte ich die 50,00
€ für Fahrt und Theatereintritt guten Gewissens riskieren.
Montags zurück, es war der 1., sah ich auf meinem Bankauszug, es war keine Zahlung eingegangen. Die Abbuchungen für Miete und Krankenkassen waren zurück gebucht mit Mehrkosten von insgesamt 9,00
€ wegen der Rückbuchung, weil Konto nicht gedeckt. Essen einkaufen war auch nicht. Hungrig kam der Nachmittag. Im Briefkasten die Mitteilung der ARGE, dass ich ja eine Arbeit angenommen habe und
deshalb die Zahlungen eingestellt werden, bis bei Einreichung der Lohnbescheinigung eine neue Berechnung gemacht würde. Da hatten Sie mich dann doch auf dem aufgeheizten Level der Öffentlichkeit
und meine Emotionen liefen auf Hochtouren und wenn die ARGE noch geöffnet gewesen wäre, hätte durchaus die Möglichkeit bestanden, dass ich hin wäre und dem Sachbearbeiter eins rein gehauen hätte.
Den ganzen Abend und in der schlaflosen Nacht habe ich darum gekämpft mich auf eine sachliche Anschauung herunterzufahren. Am nächsten Morgen bin ich dann zur ARGE. Habe dem Sachbearbeiter ruhig
die Situation beschrieben, aber auch verlauten lassen, welche Mühe es mich kostet ruhig zu bleiben, und um Lösung gebeten. Ich wurde dann in den Warteraum verwiesen. Nach einiger Zeit wurde ich
wieder ins Büro geholt mit der Information, ich würde jetzt etwas Geld zum Einkaufen bekommen.t mitnehmen. Auf meine Frage, wann denn der Rest überwiesen würde, denn ich müsse Miete und
Krankenkasse jetzt Anfang des Monats bezahlen und dass ich sowieso schon den Verlust von 9 € habe, wegen nicht Deckung des Kontos, bekam ich zur Antwort, das ginge erst, wenn die
Lohnbescheinigung da wäre. Da habe ich ganz ruhig geantwortet: „ Ich bin nicht einverstanden, denn 1. hatte ich das alles schon 2 Wochen vorher genau erklärt. 2. wäre doch die einfache Rechnung,
wenn für den Monat etwas abzuziehen wäre, dann doch höchstens 20 €, denn 100,00 € mehr kann ich ohne Abzug hinzu verdienen. Von mir aus könnten Sie aber das zu erwartende jetzt abziehen, das
wären nach meiner Rechnung aber nur 20€ weniger und Miete und Krankenkasse müsse ich jetzt bezahlen und ich bin die ewige Demütigung Leid, ich gehe nicht weg, bis ich mein Recht habe.“ Wieder
wurde ich in den Warteraum geschickt und unruhig fragte ich mich, ob es nicht klüger gewesen wäre, ich hätte das Taschengeld angenommen und mir etwas zu Essen gekauft. Aber ich merkte deutlich,
hätte ich mich Eingelassen wäre mein menschliches Ehrgefühl verletzt gewesen und meine Lebensenergie aus der Engen Wirtschaftlichen Situation herauszukommen wäre auf einen Tiefpunkt gefallen.
Nein, ich lasse mich nicht wie ein dummes Schaf von irgendjemand herum schicken, weil er meint er wäre was besseres. Nach längerem Warten, hatte ich 50 € mehr angeboten bekommen. Nein Danke, ich
gehe nicht eher bis ich den mir zustehenden Betrag bekomme. Nach nochmaliger Warteschleife, war dann noch ein weiterer Mitarbeiter im Büro, der für die Berechnungen zuständig war und wollte mir
klar machen, er wäre Angewiesen Überzahlungen zu vermeiden und es täte Ihm Leid, er brauche die Lohnbescheinigung, ehe er genau rechnen könne. Darauf hin habe ich erläutert, dass ich schon seine
Position sehe, dass ich davon ausgehe, dass er ein Mensch ist, und dass ich ein Mensch bin, dass uns nur die berufliche Situation unterscheidet. Aber ob er denn glaube ich lüge und würde in
Wirklichkeit wesentlich mehr als angegeben verdienen und wollte betrügen. Nein war die Antwort. Daraufhin habe ich nochmal die einfache Rechnung aufgestellt, er könne doch die 120 € abziehen die
ich erwarte, mir den Rest auszahlen und uns wäre Beiden geholfen, denn dann könnte ich die Miete und Krankenkasse zahlen und was denn so tragisch wäre, wenn sich im Nachhinein herausstellen
würde, ich hätte doch 20 € zu viel bekommen und er würde es dann bei der nächsten Zahlung abziehen?
Jedenfalls habe ich dann das Geld bekommen und konnte gehen ohne das Gesicht zu verlieren und hatte eigentlich auch den Eindruck, dass es für die ARGE Sachbearbeiter letztendlich befriedigender
war. Trotzdem, war das nötig? Immerhin hat es auch noch zusätzlich einige Stunden Arbeitszeit verschlungen.
Noch einen Gedanken möchte ich zum Schluss noch loswerden. Wir rühmen uns eine aufgeklärte, die Menschenrechte achtende Gesellschaft zu sein. Früher gab es in vielen Teilen der Welt Sklaven und
wir betrachten es als großen Fortschritt Sklaverei abgeschafft zu haben. Was aber ist ein Sklave anderes, als ein Mensch, der von anderen gezwungen wird arbeiten zu machen, die er nicht frei
gewählt hat? Aber immerhin musste früher der Sklavenhalter selbst dafür sorgen, dass seine Sklaven zu Essen hatten. In unserer Gesellschaft sieht es zur Zeit so aus, das Menschen zur Arbeit
gezwungen werden sollen oder sich aus wirtschaftlicher Not oder psychischem Druck dazu bringen lassen, zu Löhnen zu arbeiten, die ihnen nicht einmal gestatten Miete zu zahlen und davon satt zu
Essen zu bekommen, geschweige denn etwas übrig zu haben am kulturellen oder Bildungsleben teilzuhaben. Und als Krone vom ganzen ist es noch so organisiert, dass am Ende nicht derjenige, der zu
seinem Gewinn die Arbeitskraft in Anspruch nimmt (früher hätte man Ihn als den Sklavenhalter bezeichnet), dafür aufkommt, dass seine Sklaven zu Essen haben, sondern die Gemeinschaft der
Steuerzahler muss durch Zuschüsse dafür sorgen, dass der zu Billiglöhnen genötigte nicht verhungert. Ich sehe darin keinen Fortschritt zur Sklaverei, sondern ein noch tieferes gesunken sein,
angesichts der Tatsache, dass wir nicht in einem Mangelland leben, wo nicht genug Waren und Nahrungsmittel vorhanden sind, sondern in einer Gesellschaft, wo täglich soviel Warengüter auf Halde
liegen, Nahrungsmittel vernichtet werden oder aus Überfluss vergammeln und weggeworfen werden. Wollen wir wirklich das als erstrebenswerte Gesellschaft ansehen ? Dahingehend kann ich auch jeden
Menschen verstehen, der sagt: „ Nein Danke, für so eine Gesellschaft möchte ich mich nicht darauf einlassen eine mies bezahlte Arbeit aufzunehmen und damit noch zum Erhalt eines so
bedauernswerten Zustandes beitragen.“
Neueste Kommentare